Von Häusern, Menschen und Beziehungen

Ich sehe oft absurde Zusammenhänge.
No big News.
Heute kam mir der Gedanke:
Menschen und Beziehungen sind wie Häuser. Und Menschen haben ein unterschiedliches Verständnis/ unterschiedliche Vorlieben diesbezüglich.
(Es fällt mir schwer, das wertfrei zu beobachten, ich versuchs mal 😉 )

Häuser sind so unterschiedlich wie Menschen. Oder eben nicht, siehe Neubausiedlungen, in denen jedes Haus aussieht wie das nächste. Oder Fertighäuser. Wo im wahrsten Sinne des Wortes jedes Haus aussieht wie das nächste. Und in zwei Wochen (oder waren es zwei Tage?) aufgebaut ist.

Es gibt alte Häuser, von denen wir nur ahnen können, wer sie wann gebaut hat. Und wie lange es gedauert hat. Und die stehen immer noch…
Sie sind „komisch“, der Grundriss ist seltsam und es braucht viel Phantasie, das einzurichten. Und die Einrichtung ist dann natürlich auch funny. Nichts passt zusammen, aber insgesamt ist es einfach unfassbar gemütlich. Über allem schwebt ein Hauch von Magie und der Duft von Apfelkuchen. Es braucht viel Geduld und Liebe, es zu pflegen, in Stand zu halten. Da ist immer irgendwas, die Baustelle hört nie auf… Alte Häuser gehen meist zusammen mit alten Gärten. Habe ich schonmal erwähnt, wie sehr ich alte Gärten liebe? Mit alten Bäumen, die uns von Zeiten erzählen können, als unsere Existenz noch nicht mal eine Idee war. Mit versteckten Ecken und Winkeln. Mit wilden Blumen und Kräutern, deren Namen wir nicht kennen. Mit alten Wurzeln, die aus dem Boden ragen und Feen und Kobolden einen Unterschlupf bieten. Und Walderdbeeren, die ihren Duft kilometerweit verströmen und das Aroma einer einzelnen Beere einen Orgasmus auf der Zunge auslöst.

Und dann gibt es das andere Ende vom Spektrum. Neubausiedlung. Stempel. Je nach Jahrzehnt die typische Optik: in den 00er Jahren war es der rote Klinker, rote Dachziegel (bzw. weiss+blau für die fancy Variante), drei Giebel mit Ercker. Ercker ist ganz wichtig! Einbauküche in Buche, mit Blau gesprenckelter Arbeitsplatte. Minimalistischer pflegeleichter Garten. Ganz viel Rasen und an den Rändern Pflanzen aus dem Baumarkt. Buchsbaum, Geranie, Sommerflieder, Thuja, Palmen, mehr Buchsbaum. Buchsbaum ist ganz wichtig!!! Pflegeleichte Pflanzen. Alter Baumbestand wird gefällt. Ist doch viel zu viel Arbeit im Herbst! Wohin mit dem ganzen Laub? Pflegeleicht ist ganz wichtig!!! 2020er: viereckiger Kasten, weißer Putz, schwarze Fenster, Alman-Toskana im industial Style. Weiße Hochglanz Küche mit schwarzer Platte. Hochglanz ist ganz wichtig!!! Oder zur Abwechslung „Landhausstil“ aus dem IKEA-Katalog. Hauptsache weiss.
Steingarten.
Das ist für mich die Steigerung von Buchsbaum. Steine sind noch pflegeleichter als Pflanzen.
Am besten in so einem Stahlkäfig…

Ich bin in meinem Leben über dutzend Mal umgezogen. Ich habe in Neubauwohnungen und in Perlen des Altstadtflairs, in abgefuckten Dreckslöchern und im Paradies mit Pfirsichbäumen, in einem sechzehnstöckigen Studentenwohnheim aus den 70ern und in einigen Häusern, in alten wie in neuen, gewohnt.
Meine Eltern bauten eines dieser Stempelhäuser in einer Neubausiedlung in den frühen Nuller Jahren. Ich habe eine sehr ambivalente Beziehung zu diesem Haus.
Es ist mein Elternhaus. Und es bot mir immer ein warmes Bett und eine warme Mahlzeit. In den schwersten Zeiten war es ein gemütliches Zuhause und ein Zufluchtsort.
Aber mal ehrlich… Das Haus ist bauesthätisch eine Katastrophe. Die damalige Buche-Küche ist mittlerweile einer weißen Hochglanz gewichen. So wie der Boden einem modernem Eiche grau und die Türen einem modernem Weiß.
Der Garten ist jetzt noch pflegeleichter als damals.
Und nun der Übergang zum Thema „Beziehungen“: Genauso pflegeleicht wie dieser Garten sollten wir Kinder bitte auch sein.
Und die Beziehung unserer Eltern sollte bitte genauso glatt und langweilig wie die Möbel im Wohnzimmer sein, die natürlich aus einer Serie des Katalogs kommt.
Aber nicht von IKEA. Das wäre zu billig.

Ich habe oft das Gefühl, dass einige Menschen und deren Beziehungen so sind wie diese Häuser. Alles ist perfekt, makellos, oberflächlich und langweilig. Kein Charakter, keine Seele, keine Tiefe. Pflegeleicht. Keine Macken, keine Geschichte. Weiß. Leer. Die meisten fühlen sich in solchen Beziehungen auch wohl. So wie sie sich in solchen Häusern wohl fühlen. Man kann auch irgendwie nichts „falsch“ machen, weil Gespräche sowieso auf der Oberfläche bleiben. So wie man mit weißen Möbeln und weißen Wänden nichts „falsch“ machen kann.
Eine noch tiefere Analogie:
Die online-Dating-Kultur unserer Zeit erinnert mich sehr an das Thema Fertighäuser. Ganz schnell aufgebaut. Eine(r) von hundert. Es ist auch erstmal ganz nett.
Aber auch wenn es ganz nett ist, auch wenn man nichs „falsch“ machen kann, irgendwie fehlt es mir da an Substanz, irgendwie fehlt es an Wärme, an dem Gewissen etwas…

Und dann gibt es Menschen und Beziehungen, die sind wie das alte Bauernhaus, von dem ich träume. Vergänglich und verletzlich. Aber bodenständig und beständig. Voller Geschichte und Geheimnisse. Inspirierend und herausfordernd. Und irgendwie echt. Es gibt Menschen, in deren Augen sehe ich das gemütliche Prasseln des Kaminfeuers, das Knarzen des Holzfussbodens, den Ausblick ins Grüne, die langen Sommerabende unter der zwei Hundert Jahre alten Weide. Gemütlich. Einmalig. Unbeschreiblich. Unendlich. Und ich sehe Beziehungen, die deren Menschen gerne und voller Liebe pflegen. Nachdem sie sie über Jahre hinweg aufgebaut haben. Und wenn etwas kaputt geht, wird es repariert. Da kommt kein Bulldozer, der alles platt macht, um einen Neubau drauf zu klatschen. Oder noch besser ein Fertighaus 🙂 Das Zuhause wird sorgsam gepflegt, damit es noch die nächsten vier Hundert Jahre übersteht.

Nur zur Klarstellung: Das heisst nicht, dass jeder, der in einer Neubausiedlung lebt, oberflächlich und langweilig ist. Das heisst nicht, dass jemand, der Fertighäuser mag, keine tiefe Beziehung führen kann.
Aber bei jemandem, der sein vier hundert Jahre altes Haus liebt und pflegt, immer wieder repariert und genau darin seine Erfüllung findet, fällt es mir sehr schwer, mir das vorzustellen…


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