Von Booten und Tüten
Sieben Uhr morgens und bereits 25 Grad. Aber gleich, wenn wir aufs offene Meer hinaus fahren wirds kühler, zum Glück haben wir unsere Kapuzenjacken eingepackt.
Das Boot wird immer schneller. Zumindest scheint es so. Die Felsen der Nordküste meiner Lieblingsinsel ziehen vorbei, die graue schwüle Luft legt sich salzig auf meine Lippen. Vorne überm Horizont geht die Sonne auf. Das Meer glitzert neonorange.
Ich habe den Sonnenaufgang schon so oft vom Strand aus beobachtet, aber jetzt scheine ich dem Ganzen noch näher zu sein. Nur das Meer, die Sonne und dieses Glitzern. Ein magischer Moment. Die anderen turistas zücken ihre Telefone und versuchen, den Moment auf dem Bildschirm festzuhalten.
Ich inhaliere jeden Augenblick und verstaue ihn ganz tief in meinem Herzen.
Es ist einer dieser bittersüßen Momente, an dem ich melancholisch werde. Einer der Momente, wo meine Brust ganz warm wird, aber sich auch leer anfühlt, weil neben diesem schönen Moment noch so viel Platz ist. Ich wünsche mir so sehr, diesen Moment mit jemandem teilen zu können. Ich versuche mir einzureden, dass ich doch hier zwei kleine Menschen habe, mit denen ich das teilen kann. Das stimmt auch. Und doch ist es nicht das Gleiche.
Die Mäuse stehen vor mir an der Reling, ich habe meine Arme um sie ausgebreitet und halte mich – uns – fest. Und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn noch jemand hinter mir steht und seine Arme um meine legt. Ich lehne meinen Kopf an seine Schulter. Niemand sagt etwas. Einfach der Moment, der golden und warm in unser Herz strömt und für immer dort bleibt.
Es ist schön zu dritt.
Aber zu viert wäre es vollkommen.
Es heisst immer, du musst erst vollkommen werden, ein geiles Leben führen und dir selbst genug sein, bevor du jemanden anziehen kannst, der dein – vollkommenes! – Leben „nur noch“ bereichert. Ich halte das für Blödsinn und ein Produkt unserer Individualisten- und Egoisten-Gesellschaft, getarnt in Spiritualität und „Bewusstsein“. Oder vielleicht verstehe ich es nur falsch.
Für den Alltag gehe ich da voll mit. Ich habe ein geiles Leben, ich „brauche“ niemanden. Und ehrlich gesagt, manchmal frage ich mich sogar ob in meinem „vollkommenen“ (oder einfach nur vollen?) Leben überhaupt Platz wäre für noch jemanden.
Ich bin seit vielen vielen Jahren alleine, ich schmeiße hier den Laden alleine, ich bin gerne mit mir alleine. Das war ich schon immer. Ich bin zufrieden, ich hätte kein anderes Leben lieber als meins. Mein geiles „vollkommenes“ Leben ist voll solcher magischer Momente. Ich genieße jeden Augenblick, ich inhaliere mein unfassbares Glück, ich bin so dankbar. Aber ich habe das Gefühl, diese Momente können gar nicht so tief ins Herz hinein, wenn niemand da ist, mit dem man sie teilen kann.
Ich bin naiv, ich glaube an die romantische Liebe, ich glaube ganz tief, dass wir einander brauchen, um vollkommen zu werden und gerade in den schönsten Momenten wird es mir immer wieder bittersüß bewusst.
Ich erinnere mich an eine alte Legende, laut der die Götter eines Tages die Menschen in zwei Hälften teilten, weil diese zu mächtig geworden waren. So seien Mann und Frau entstanden. Und seit jener Zeit irrten die jeweiligen Hälften – Mann und Frau – in der Welt und suchen ihre andere Hälfte. Nur zusammen sind sie vollkommen. Nur zusammen sind sie so mächtig, dass sogar die Götter sie fürchten. Das, was durch die Verschmelzung entsteht, ist größer als die Summe der zwei Hälften.
Das habe ich schon immer gefühlt.
Ich brauche niemanden. Ich mache alles alleine. Ich kann alles alleine. Ich habe alles alleine.
Und doch bin ich alleine nicht vollkommen.
Das Boot fährt immer weiter aufs Meer hinaus. Die Insel ist nicht mehr zu sehen. Um uns herum nur Wasser. Wellen. Hohe Wellen. Das Boot schaukelt und kippt von einer Seite zur anderen. Und damit auch die Stimmung. Uns wird übel. Mein kleineres Kind muss sich sogar übergeben.
Nun sitze ich zwischen meinen jammernden Kindern mit einer Kotztüte in der Hand und bin einfach nur froh, dass wir nur zu dritt sind. Ich bin so froh, dass ich mich nur um diese zwei kleinen Menschen kümmern muss und nicht auch noch um einen großen kleinen Jungen.
Wir machen das gut. Ich bleibe ruhig, ich rede meinen Kindern gut zu. Ich habe eine Stelle auf dem Boot gefunden, wo wir uns hinsetzen und sicher fühlen und wo es etwas weniger schaukelt. Ich habe Wasser dabei, das hilft. Mittlerweile haben wir die Delfin- Beobachtungs-Stelle erreicht. Das Boot hält an. Es schaukelt kaum noch. Die Delfine sind wunderschön. Auch wenn ich vor lauter Kotztüte und Haare halten und Wasser verteilen nur ein Paar gesehen habe, bin ich nachhaltig beeindruckt. Ich kann jetzt verstehen, warum Menschen so fasziniert von diesen Wesen sind.
Endlich gehts wieder Richtung Ufer. Entweder ist es die andere Richtung, in die wir fahren oder der angekommene Tag – es schaukelt kaum noch. Die Sonne steht mittlerweile ein Stück überm Meer und verströmt wohltuende Wärme. Es gibt ein kleines Frühstückchen an Bord. Die Kinder essen ein trockenes Brötchen. Wir erreichen die Küste und fahren sehr nah an einer Felswand entlang, man erkennt Höhlen. Eine Sandbucht, die nur vom Wasser aus zugänglich ist. Und eine Bergziege. Oh mein Gott, eine Ziege!!! 🙂 Helle Aufregung. Auf einmal ist die Stimmung wieder fröhlich und ausgelassen. Das kleine Kind, das vor einer halben Stunde noch ein kleines kotzendes Häufchen Elend war, fotografiert fröhlich die Ziege und die Höhlen und plant bereits, wie es nach den Ferien im Stuhlkreis davon erzählt und die Fotos zeigt. Das größere Kind rechnet aus, wie viel das Unternehmen mit den turistas verdient hat und nimmt sich vor, so bald wie möglich einen Boots-Führerschein zu machen und mit „Delfin-Fahrten“ Kohle zu scheffeln. Wir planen gemeinsam, wie wir in einigen Jahren diese Insel zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden könnten und fragen uns, ob wir wohl an diese Stelle mit der Ziege von Land aus kommen könnten und ob diese Ziege dann immer noch dort lebt, ob wir auch ihre Herde kennenlernen werden und wie süß wohl Baby-Bergziegen sind.
Und ich frage mich, ob wir das wohl zu dritt oder zu viert erleben werden.
Als wir wieder im Hotel sind, erwischen wir sogar noch das späte Frühstück. Drei Berge voll Pancakes mit flüssiger Haselnusscreme. Eigentlich bräuchte ich nen Whiskey und ne Kippe. Der Prosecco tuts auch. So viele Eindrücke, so viel erlebt und dabei haben wir noch den ganzen Tag vor uns. What a wonderful day.
Der „Delfin-Ausflug“ bleibt eine der schönsten Urlaubs-Erinnerungen für uns alle. Inklusive Kotztüte. Wenn wir davon erzählen, müssen wir lachen und ich bin ein bisschen stolz.
Aber meine Gedanken und Gefühle von diesem Tag lassen mich seit dem nicht mehr los und beschäftigen mich immer noch.
Ich sehne mich nach jemandem, mit dem ich vollkommen sein kann. Ich sehne mich nach meinem Yang, ich sehne mich nach meiner zweiten Hälfte. Ich sehne mich nach jemandem, mit dem ich die schönsten Momente dieses Lebens teilen kann.
Ich sehne mich nach jemandem, der in mein vollkommenes Leben kommt und erstmal alles durcheinander bringt. 🙂
Aber was ist mit den nicht so schönen Momenten? Mich beschäftigt und bedrückt es, dass ich in dem Moment froh war, dass ich keinen Partner an meiner Seite hatte. Krass oder?
Das war einer dieser augenöffnenden Momente und ich glaube das konnte geschehen, gerade weil diese zwei Momente – der schönste und der schlimmste – so kurz hintereinander waren.
Ich bin seit dem immer wieder in mich gegangen, habe mich an ähnliche Situationen erinnert. Situationen, in denen ich selbst an meine Grenzen kam. Situationen, auf die dich kein Eltern-Handbuch vorbereitet und schon gar nicht die Erziehungsmethoden für Neuronormalos, die uns immer verkauft wurden. Situationen, die dich – potentiell – alle Nerven, alle Geduld, alle guten Vorsätze, all deine Selbstachtung und Hoffnung kosten können. Ich nenne sie „Kotztüten-Situationen“, wobei die echte Kotztüten-Situation im Vergleich zu anderen schon erlebten Situationen echt entspannt war.
Ich habe sowohl Situationen Revue passieren lassen, als wir zu dritt waren und ich froh war, dass es so war; als auch an Sitationen, als wir zu viert waren und wie ich mich da gefühlt hatte.
Ich habe auch nach Kotztüten-Situationen gesucht, in denen wir zu dritt waren und ich mir gewünscht hätte, ich hätte jetzt jemanden an meiner Seite. Von Letzteren habe ich keine gefunden.
All diese bewussten Erinnerungen an die Situationen waren für mich natürlich sehr bewegend. Und augenöffnend.
Was sagt es über meine Erfahrungen aus?
Was sagt es über mein Männer-Bild aus?
Was sagt es über mich aus?
Und ich konnte es lange nicht wahrhaben, ich schäme mich nahezu dafür und als ich diese Erkenntnis irgendwann hatte, habe ich tagelang geheult. Einfach nur Trauer.
Ich glaube, ich habe einfach noch nie die Erfahrung gemacht, dass ich wirklich einen Partner an meiner Seite hatte. Dass ich einen Mann an meiner Seite hatte. Einen, der mich unterstützt, der mich hält, der für mich da ist. Oder zumindest einen, der einfach nur da ist, er muss ja nicht mal etwas tun.
Und wenn ich rechts und links kucke, meine Freundinnen, Bekannte, Verwandte. Es ist erschreckend. Ich kann die Männer, die ihren Frauen ein echter Partner sind, an einer Hand abzählen.
Ich will kein Männer-Bashing betreiben.
Ich mag Männer. Und auch die Männer in meinem Umfeld sind toll. In vielerlei Hinsicht.
Ich hatte und habe wundervolle Beziehungen mit wundervollen Männern. Ich wurde auf Händen getragen, verwöhnt und vergöttert, es wurde und wird sich stets um mich bemüht, gerödelt, gemacht und getan – im Außen.
Aber jedes Mal wenn ich wirklich Support gebraucht hätte, jedes Mal, wenn es schwierig wurde, war ich allein. Teilweise wirklich allein, weil der Mann einfach überfordert weggelaufen war. Oder er war körperlich anwesend, aber emotional nicht verfügbar. Ich war immer allein. Ich musste mich um die Sache, um die Emotionen der Kinder, meine eigenen und dann auch noch um seine kümmern.
Zumindest dachte ich, dass ich das das müsste.
Und ich glaube, das ist der Punkt, den Viele nicht sehen. Das geht so ein bisschen in die Richtung „Mental-Load“-Debatte. Aber mir geht es hier gerade nicht um Zahnarzt-Termine der Kinder. Es geht darum, dass wir Frauen viel zu oft emotional allein gelassen werden, gerade in den schwierigsten Situationen. Auf keinen Fall mit Absicht und ich glaube auch gar nicht, weil Männer ach so un-emotional seien. Ich glaube, im Gegenteil, weil sie extrem emotional sind und nie gelernt haben, mit diesen überwältigenden Emotionen umzugehen. Geschweige denn, andere damit zu stützen.
Auf Social Media kursieren Videos, in denen Männer und „Baby, don’t worry, i got this.“ gefeiert werden. Hmmm… was ein Traum. Daran trau ich mich ja gar nicht zu denken. Stell dir vor, er sagt einfach: „Ich bin da, ich regel das, ich übernehme jetzt.“
Ich wäre ja schon froh, wenn er einfach nur da ist und sich um sich selbst kümmert. Im besseren Fall mir nach der herausfordernden Situation hilft, mich zu regulieren, mir emotional zur Seite steht.
Hab ich noch nie erlebt.
Und vielleicht ist das unfair, weil ich es vielleicht schon irgendwann Mal erlebt habe. Ich erinnere mich nur nicht mehr daran, weil es verpufft ist – im Vergleich zu den unzähligen Malen, wo das eben nicht der Fall war.
Und ich frage mich, für den, der noch kommen mag: Ist das die neue benchmark? Oder ist es – mal wieder – zu viel verlangt?
Werde ich mich nur noch auf einen Mann einlassen, der so reif und emotional reguliert ist, dass er mir in den hässlichsten anstrengendsten emotional belastendsten Situationen ganz selbstverständlich und gelassen zur Seite stehen kann?
Reicht es mir, wenn er zumindest keine zusätzliche Last ist? Reicht es mir wenn er zumindest sich um sich selbst kümmern kann?
Oder reicht mir einfach jemand für die „schönen Stunden“?
Ich traue mich nicht, das zu erwarten.
Und meine Vernunft und die Bescheidenheit, die ich mir so gerne umhänge, sagt: Naja, reicht doch wenn man gemeinsam die schönen Momente des Lebens genießen kann. Sei dankbar dafür. Die schwierigen musstest du schon immer alleine tragen. Sei doch froh wenn zumindest jemand da ist, mit dem du die schönen teilen kannst.
Aber mein Bauch und mein Herz gibt sich damit nicht zufrieden.
Und ich trau mich nicht, das auszusprechen. Ich trau mich nicht, das zu „fordern“.
Dabei ist es das Normalste der Welt, oder? „In guten wie in schlechten Zeiten“ heisst es doch immer. Yin und Yang. Berg und Tal. Durch dick und dünn.
Und mal abgesehen davon.
Kann ich jemanden, der die emotionale Reife eines Teenagers hat, als Partner „auf Augenhöhe“ betrachten?
Kann ich mit jemandem die schönen Momente in mein Herz strömen lassen, wenn ich weiss, dass gleich, wenn alle anfangen zu kotzen, ich alleine dastehe?
Und ich glaube, all diese Fragen sind obsolet, weil die Antwort bereits am Anfang dieses Textes liegt.
Allein bin ich nicht vollkommen.
Wenn ich jemanden im Außen an meiner Seite habe, aber emotional allein bin, bin ich nach wie vor allein.
Und so bin ich nicht vollkommen.


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