Von A und D und H und S und Glück und Zufällen

Es gibt viele Faktoren, die die Auswirkungen von AD(H)S beeinflussen. Faktor Geschlecht, Faktor Bildungsgrad der Eltern, Faktor Intelligenz, Faktor Umfeld. Nur einige Beispiele.

Wenn du mit AD(H)S gesegnet bist und Pech hast, bist du ein durchschnittlich begabter Junge in einer durchschnittlich gebildeten Familie, darfst so viel Zucker essen wie du willst, darfst vor dem Schlafengehen und sowieso immer fernsehen, weil deine Eltern es ja auch permanent tun. Dein Nervensystem wird jeden Tag aufs Maximum strapaziert. Dir wird nicht vorgelesen oder sonst irgendwas mitgegeben. In der Schule kommst du nicht mit, bist der Klassenclown und „schwer erziehbar“, gehst auf die Hauptschule, machst mit Ach und Krach deine Lehre usw.

Wenn du Glück hast, bist du ein Mädchen aus „gutem Hause“ mit einem IQ, der so hoch ist wie die Pyramiden von Gizeh. Du erhälst früh Förderung, man beschäftigt sich mit dir, man liest dir vor, man bezahlt dir Klavierunterricht. Man bringt dir bei, wie man sich zu benehmen hat. Du bist still und zurückhaltend und der einzige Streitpunkt mit deinen Eltern ist, dass dein Zimmer nicht aufgeräumt ist. In der Schule bist du so gut, dass du eine Klasse überspringen kannst. Du vergisst zwar immer, die Hausaufgsben zu machen, aber das ist total egal, denn wenn du drangenommen wirst, übersetzt du den lateinischen Text ausm Stegreif. Genauso wie du Referate ausm Stegreif hälst (weil du vergessen hast sie vorzubereiten). Im Studium kommst du auch irgendwie durch, weil du die Hausarbeit auch in 5h in der Nacht vor der Abgabe schreiben kannst.
Du bist im Berufsleben relativ erfolgreich, wirst für deine Kreativität gefeiert. Aber deine Wohnung ist immer messy, die Wäsche stapelt sich genauso wie die ungeöffneten Briefe. Du verpeilst Termine, verpasst Züge, verlierst und verlegst ständig Dinge. Mit der Zeit lernst du Konter-Strategien, bspw. bei wichtigen Terminen eine Stunde früher da sein, schnell aufräumen bevor Besuch kommt, indem man einfach alles in eine Kiste/Ikeatasche stopft und diese irgendwohin versteckt, wo sie jahrelang vergessen bleibt. Du fragst dich immer: „Was ist falsch mit mir, dass ich das nicht hinkriege? Ich will das so so sehr.“ Und irgendwann fragt dich das auch dein Partner: „Wieso räumst du die Werkzeuge nicht einfach wieder dorthin zurück, wo du sie genommen hast? Wieso schaffst du es nicht, die Küche jeden Tag aufzuräumen? Wieso schaffst du es nicht, die Bücher rechtzeitig zur Bücherei zurückzugeben? Das kostet uns so viel Geld! Tus doch einfach!“ Und du selbst bist verzweifelt und sagst dir: „Wieso tu ich es nicht einfach? Alle anderen kriegen das hin, nur ich nicht. Dabei strenge ich mich so an.“ Unsicherheit, Selbstzweifel, damit einhergehende Unzufriedenheit und Überforderung werden zu deinem Grundgefühl. Und die emotionale Abwärtsspirale beginnt. Es folgen Essstörungen, Depressionen, Beziehungsprobleme, Low Performance bei der Arbeit, du bist mit allem überfordert, du schreist deine Kinder an, du streitest dich mit deinem Partner, mit deiner Mutter, mit deiner Freundin und irgendwann macht es Bämm. In welcher Form auch immer.

Wenn du so richtig Glück hast, bist du ein Mädchen aus gutem Hause mit einem IQ, der so hoch ist wie die Pyramiden von Gizeh und hast wenn du erwachsen bist einen Partner und ein Umfeld, das dich bedingungslos liebt, dir hilft, deine messy Bude aufzuräumen, die Werkzeuge kommentarlos an ihren Platz zurückbringt, die Steuererklärung mit dir zusammen macht und dir keinen Vorwurf macht, wenn du einen Geburtstag vergisst. Dann musst du dich nämlich nicht unsicher fühlen, dann musst du keine Selbstzweifel und damit verbundene Unsicherheit haben. Dann kannst du einfach sein und strahlen und deinen Partner und deine Familie und Freunde mit deiner Kreativität, deiner unendlichen Liebe, deiner schier unerschöpflichen Energie beschenken. Und wenn es eine Krise gibt oder jemand Hilfe braucht, kannst du deine Superpower auspacken und Berge versetzen.

Und wenn du so richtig richtig richtig richtig richtig Glück hast, bist du ein Mädchen aus gutem Hause, mit einem IQ, der so hoch ist wie die Pyramiden von Gizeh und wächst bereits als Kind in einem stützenden Umfeld ohne Vorwürfe auf. Dein Zimmer räumst du zusammen mit deinen Eltern auf und entdeckst die Vorteile von Methylphenidad noch bevor du das erste Referat vergisst, lebst dein Leben in Leichtigkeit und Erfüllung und wenn du 40 bist, hast du bereits eine Impfung gegen HIV, Krebs und Alzheimer erfunden 🙂


Entdecke mehr von just another life

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert