Von Gebertypen, Krümeln und Prioritäten

Es gibt Menschen, die geben und geben und geben und geben. Über ihre Grenzen hinaus. Sind erschöpft, ausgelaugt und es reicht trotzdem nicht.
Ich kenne viele solcher Menschen. Einige mehr, einige weniger. Einige sind oder waren Menschen, wo man sagt „meine Nächsten“.
Und die hatten alle etwas gemeinsam:
Das bedingungslose Geben – vermeintlich.
Vermeintlich bedingungslos. Denn es gab eine Bedingung, oder ein Ziel. Das Ziel war gefallen. Wünsche anderer erfüllen, um zu gefallen, um geliebt zu werden. Gebraucht werden, um wertvoll zu sein. Endlich geliebt und gesehen werden. Endlich den Lob und Anerkennung bekommen, nach der man so cravet.

Und sie sind alle gescheitert.
Denn es hat nie gereicht.
Es hat nie für alle gereicht.

Denn auch das hatten alle gemeinsam:
Sie haben an zu vielen Orten ihre Energie, ihre Aufmerksamkeit, ihre Liebe, ihre Güte vergossen.
An Orten und Menschen, die sie nicht verdient haben. (Aus meiner Sicht…)
Und manchmal suchen diese Menschen gerade da nach Aufmerksamkeit und Bestätigung.
Es hat nie gereicht.
Sogar dann nicht, wenn sie über ihre Kapazitäten gegangen sind.


Das Perverse daran ist gerade diese Diskrepanz, dieses Gefühl von „Es reicht nicht“, „du bist nicht genug“ obwohl man schon 110 Prozent gibt. Ich glaube, da kommt man irgendwann an den Rand der Hilflosigkeit und Verzweiflung. Wie viel soll ich denn noch geben? Ich kann nicht mehr! Ich habe nicht mehr! Ist doch kein Wunder, dass man irgendwann zusammenbricht.


Für mich als Angehörige war es ebenfalls schmerzhaft. Denn ich habe oft nur die Reste abbekommen, wenn denn überhaupt welche übrig blieben. Manchmal habe ich auch nur die 10 Prozent über den 100, also gerade diese, die bereits über der Kapazität waren, bekommen. Also die Reste der Reste 🙂
Und ich war für jeden Tropfen dankbar.
Auch wenn es mich innerlich zerfressen hat, zu sehen, wie der geliebte Mensch sich aufopfert, sich zerreisst und daran kaputt geht.
Viel zu selten habe ich etwas gesagt, weil ich nicht diejenige sein wollte, die noch mehr fordert, weil ich nicht noch mehr zehren wollte. Ich wollte die Genügsame sein. Ich wollte vernünftig sein. Das habe ich früh gelernt. Ich wollte nie Ansprüche erheben, weil ich dachte, dass es mir nicht zusteht. Ich wollte die coole, die unkomplizierte, die pflegeleichte Freundin/Partnerin/Frau sein.
Ich habe heimlich gelitten und die Heilige gespielt.
Wenn ich denn mal was gesagt habe, dann nur weil ich gesehen habe, dass der andere das nicht länger aushalten wird.
Die Folge war, dass aus den zehn fünf Prozent wurden, die für mich übrig blieben. Ganz gönnerhaft habe ich mir dann auf die Schulter geklopft und und habe versucht, mir meine Bedürfnisse an anderer Stelle zu erfüllen.
Teilweise bewusst, teilweise unbewusst.
Teilweise lustig, teilweise einfach nur dumm.
Konsum, Shopping, Sport, SocialMedia.
Oft habe ich mich emotional einfach distanziert. Mehr Unabhängigkeit nach Außen, vielleicht auch ein bisschen Trotz. Wenn du keine Zeit für mich hast, macht nichts, „ich brauche dich eh nicht“.
Wie oft musste ich mir dennoch den Vorwurf anhören: Ich tu doch schon so viel. Ich habe immer über meine Grenzen hinaus gegeben.
Und jedes Mal hat es weh getan. Doppelt.
Denn: Ja, hast du, nur nicht mir. Ich habe die letzten Krümel abbgekommen.
Und was noch viel doller weh tut: Selbst diese zehn Prozent waren nicht das, was ich gebraucht hätte.

Denn auch das haben diese Menschen alle gemeinsam: Sie geben im Außen. Sie erfüllen Wünsche. Sie bringen Kuchen mit, sie saugen das Wohnzimmer, sie mähen den Rasen, sie spielen Taxi. Aber das, worauf es ankommt, das was der andere wirklich braucht, Interesse, Kontakt, Präsenz, emotionaler Support, einfach da sein, gerade das blieb so oft auf der Strecke.
Heute denke ich mir: Ja, vielleicht war das auch gar nicht möglich auf die letzten Meter der Kapa, vielleicht ist es auf Reserve nur im Außen möglich zu funktionieren.

Welche Auswirkungen diese Erkenntnisse auf meine künftigen Liebes-Beziehungen haben, weiss ich noch nicht. In Freundschaften lasse ich das erstmal so. Ich fordere nichts. Ich nehme was ich kriege und wenn ich Prio P bin, dann ist das so. Das einzige was ich mache: ich priorisiere jemanden, für den ich Prio P bin nicht mehr als A oder B.
In einer Liebesbeziehung werde ich das mit meinem Partner wohl verhandeln müssen.
Aber vielelleicht werde ich ja nicht mehr einen Geber-Typen anziehen 😉


Was ich aber für mich nun ganz aktiv und bewusst mitnehme: Wie ich meine Kapa priorisiere.
Unsere Gesellschaft ist ja auch so, dass erwartet wird: Erst die Arbeit, Haushalt, dann, das was übrig bleibt, für die Familie und die Partnerschaft.
Wie oft habe ich das erlebt (und erlebe ich das immer noch) dass die Prioritäten normalerweise so gesetzt sind.
Man verbringt den ganzen Tag bei der Arbeit, kommt total verbraucht nach Hause, dann wird da nochmal gearbeitet. (Wie siehts denn hier wieder aus!?!?! Erstmal Staubsaugen, Rasenmähen, Wäsche bügeln) und der Rest der bleibt (und da ist nicht mal ein Rest…) bleibt für den Partener und der aller aller letzte Rest (und hier sind wir schon bei den Reserven der Reserven) für die Kinder.
Unsere Gesellschaft erwartet das.
Und wir als Menschen irgendwie auch.
Ist doch eine schöne romantische Vorstellung: wir kämpfen draußen, kommen nach Hause, hier soll bitte alles harmonisch sein, hier will ich nichts mehr geben müssen, hier will ich nur bekommen.
Ja, genau.
Süß 🙂
Ja, ich glaube, zu Hause, bei der Familie, bei der Frau/bei dem Mann sollte der sichere Hafen sein, das Lagerfeuer, die schützende Burg. In einer erfüllten Beziehung, in einer glücklichen Familie, als Mama/Papa bekommt man unglaublich viel. Aber der Partner und die Kinder brauchen auch etwas.


Ich kenne etliche Beziehungen, die vor allem daran zerbrochen sind. Ich kann keine Zahlen zitieren (wie will man das auch messen?), aber ich verwette meine Badewanne darauf, dass das der Grund Nr. 1 für Scheidungen ist.
Mich hat meine verkehrte Prioritäten-Setzung fast die Beziehung zu meinen Kindern gekostet.
Erst Job, dann Haushalt, dann der Mann, dann all die anderen unangenehmen Dinge, die man so tun muss und vor allem, die ich in der Vergangenheit tun „durfte“, dann will ich meine Ruhe und die Kinder sollen bitte einfach funktionieren.
Heute ist das nicht mehr so.


Ich habe für mich die Prioritäten ganz klar neu ausgerichtet:
Prio 1: Meine eigene Gesundheit
Prio 2: Die Familie
Prio 3: die Liebe (Sorry Jungs…)
Prio 4: Haushalt
Prio 5: Job
Es ist nicht so, dass mir der Haushalt und der Job unwichtig sind.

Aber heute bleibt die Küche abends mal ganz bewusst unaufgeräumt, wenn ich dafür das Glück habe, mit meinem Kind ein tiefes ernstes Gespräch zu führen oder wenn ganz dringender Kuschelbedarf besteht.

Aber heute nehme mir meine freien Mittwoche ganz bewusst und regelmäßig und ohne „ja, ich könnte für Termin xy auch schieben“.
Wenn ich meinen freien Tag schiebe, dann nur, weil meine Tochter an einem Freitag Geburtstag hat!


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