Führung – Dienen unter erschwerten Bedingungen
Weisst du, wen ich krass bewundere?
Menschen, die führen können.
Und weisst du, wen ich noch mehr bewundere?
Menschen, die das auch wollen.
Ich behaupte mal ganz hochnäsig, dass ich gut führen kann.
Aber Alter… hab ich da keinen Bock drauf!!! Ich führe meine Kinder (manchmal auch Bonuskinder) und ich glaube, das mache ich ganz gut. Und das reicht mir vollkommen.
Ich würde nie im Leben auf die Idee kommen, beruflich in Führung zu gehen oder einen Vorsitz bei einem Ehrenamt zu übernehmen.
Das ist so anstrengend.
Ich erinnere mich an einen Familienurlaub mit meiner ganzen Familie. Also die ganze ganze Familie, alle Generationen, ich in der Führung. War für alle ein geiler Urlaub, aber ich war nach diesem Urlaub einfach nur im Arsch. Oder ist es nur ein Beweis, dass ich es gar nicht kann? Vielleicht wäre jemand, der es kann, nicht so im Arsch gewesen? Ich weiss es nicht.
Warum ist es so anstrengend?
Weil:
Wer führt, dient.
Führen heisst Dienen
Führen heisst Dienen.
Ich glaube, das ist das größte Missverständnis, das Menschen – insbesondere junge Menschen – von Führung haben. Viele glauben, führen heisst, das Sagen haben. Sie glauben, führen heisst, es passiert das, was ich will. Führen bedeutet Macht, Dominanz. Macht bedeutet mehr Ressourcen, bessere Chancen auf Fortpflanzung usw. wenn wir mal in die Affenhirn-Regionen abschweifen. Und vielleicht ist daher „Führen“ auch so in Verruf geraten.
Wer (insbesondere wenn dieser wer dem männlichen Geschlecht angehört) heute sagt, er wolle führen, wird gleich schief angekuckt. Was muss der kompensieren? Was stimmt nicht mit dem? Man denkt an Bill Clinton und seine Praktikantinnen, man denkt an Nero und an Anneken Skywalker, der nur wegen dieser verflixten Macht zu Darth Vader wurde.
Aber Führung bedeutet nicht Macht.
Führung bedeutet Dienen.
Führung bedeutet, deine Mannschaft und deren Bedürfnisse ständig im Blick zu behalten und Entscheidungen so zu treffen, dass diese in Balance sind.
Nicht ihre Wünsche.
Ihre Bedürfnisse, ihre echten Bedürfnisse.
Führen heisst weder Macht noch Härte
Es gibt auch Menschen, die glauben, Führung hiesse Härte.
Belohnen und bestrafen.
Sich durchsetzen.
Gehorche oder geh.
Tu was ich dir sage oder ich führe dich nicht mehr.
Ich kenne Menschen, die drohen ihren Kindern mit Kontaktabbruch wenn sie „schwierig“ sind.
Ich kenne Chefs, die schreien ihre Mitarbeiter an wenn etwas nicht klappt.
Ich kenne zum Glück keine Männer, die ihre Frauen schlagen. Aber die gibts.
Ich kenne gutgemeinte Ratschläge wie „Hast du es mal mit … probiert?“ „Einfach Stecker ziehen.“ „Wer einmal auf die Herdplatte fasst, macht es kein zweites Mal.“
Ich kenne Eltern, die bestrafen „freches Benehmen“ mit Süßigkeitenverbot und belohnen gute Noten mit Geld.
Und ich kenne die Haltung „Folge mir freiwillig oder lass es, ich zwinge niemanden.“
Das ist keine Führung.
Das ist Verzweiflung.
Das ist Trotz.
Das ist Angst.
Das ist Arroganz.
Das ist diese verkehrte Vorstellung von Führung.
Gute Führung braucht kein Belohnen, kein Bestrafen, keine „harte Linie“, kein „Stecker ziehen“.
Ein guter Führer erkennt deine Bedürfnisse und kann dich so lenken, dass sie erfüllt werden.
Einem guten Führer gibt man sich freiwillig hin, weil man weiss, dass man in Sicherheit ist. Weil man weiss, dass man hier alles bekommt was man braucht. Nicht alles was man will. Aber alles was man braucht.
Ein guter Führer erkennt, was du brauchst und gibt es dir. Das kann ein Bedürfnis sein. Das kann eine Richtung sein. Das kann eine Grenze sein. Das kann etwas ganz anderes sein.
Das ist das Dienen.
Jeder kann führen wenn die Sonne lacht
Und weisst du, warum Führen auch noch schwierig ist? Oder besser gefragt, wann.
Wenn die, die du führst nicht willenlose Schäfchen sind (siehe „folge mir freiwillig“), sondern wilde Mustangs.
Wenn draußen nicht die süße Leichtigkeit des Sommers über allem schwebt, sondern ein bitterer Hagelsturm tobt.
Führung ist einfach wenn die Sonne scheint und das Leben lacht und der andere einfach blökend folgt.
Aber äh – nennt man das dann überhaupt Führung?
Wahre Führungsqualitäten zeigen sich unter schwierigen Bedingungen.
Ein eigensinniger Kopf, ein wildes Wesen, stürmische Zeiten, Chaos, Schlafentzug, Hunger, kalt.
Dann kann sich wahre Führung zeigen.
Wer das erkennt, wer das kann und wer das will, hat meine höchste Achtung und Anerkennung.
Alle anderen dürfen üben.
Oder einfach mal die Fresse halten und – so wie ich – sagen: Ne, sorry, ist mir zu anstrengend.


Schreibe einen Kommentar